Vor zwei Jahren gab es kaum jemanden, der sich „KI-Berater" nannte. Heute reicht in manchen Praxisteams ein Blick ins LinkedIn-Postfach: mehrere Anfragen pro Woche, alle mit dem Versprechen, die eine Lösung für alle Probleme zu kennen. Vom Ein-Personen-Anbieter bis zur Großberatung positioniert sich inzwischen fast jeder als KI-Experte. Für Praxisinhaber:innen und Klinikleitungen wird die eigentliche Herausforderung damit nicht die Technik – sondern die Auswahl des richtigen Partners.

Provisionsinteresse statt Bedarfsanalyse

Wenn ein Berater für jedes Problem dieselbe Software empfiehlt, lohnt sich die Nachfrage, wie diese Empfehlung zustande kommt. Nicht selten steckt eine Vertriebspartnerschaft oder eine Provisionsvereinbarung mit dem Softwareanbieter dahinter – die Empfehlung ist dann nicht falsch, aber auch nicht unabhängig. Seriöse Beratung beginnt mit einer Analyse der eigenen Situation, nicht mit einer fertigen Antwort. Eine einfache, aber wirksame Rückfrage: „Würden Sie mir dieselbe Lösung auch empfehlen, wenn Sie an ihrem Verkauf nichts verdienen?" Wer darauf ausweicht, hat die Antwort eigentlich schon gegeben.

Versprechen ohne Grundlage

„Verdoppeln Sie Ihren Umsatz mit KI in drei Monaten" – solche Aussagen, ohne dass vorher überhaupt die Ausgangslage der Praxis analysiert wurde, sind ein klares Warnsignal. Seriöse Beratung trifft belastbare Aussagen erst, nachdem sie verstanden hat, womit sie es zu tun hat.

Fehlendes Branchenverständnis

Ein Praxisbetrieb funktioniert anders als ein Onlineshop oder eine Marketingagentur: Approbationsrecht, Abrechnungslogik, Patientendatenschutz und der Praxisalltag selbst folgen eigenen Regeln. Wer als Berater nur allgemeines Technik-Know-how mitbringt, aber nicht erklären kann, wie ein Terminmanagement-System mit dem bestehenden Praxisverwaltungssystem zusammenspielt, wird in der Umsetzung schnell an Grenzen stoßen.

Fehlende DSGVO-Kompetenz

Sobald ein KI-Tool mit Patientendaten in Berührung kommen könnte, muss ein seriöser Berater konkret erklären können, wo die Daten verarbeitet werden, ob ein Auftragsverarbeitungsvertrag vorliegt und wie Art. 9 DSGVO in diesem Fall eingehalten wird. Ausweichende oder vage Antworten auf diese Fragen sind kein gutes Zeichen – gerade im Gesundheitswesen ist das kein Nebenthema, sondern eine Grundvoraussetzung.

Theorie statt Umsetzung

Folien, Workshops, ein inspirierender Vortrag – und dann? Viele Anbieter enden genau dort, wo die eigentliche Arbeit beginnt: bei der technischen Umsetzung und der Einbindung ins Team. Ähnlich aufschlussreich sind Referenzen: Wer nur mit Logos großer Konzerne wirbt, aber bei der Frage nach vergleichbaren Projekten in einer Praxis oder kleineren Klinik ausweicht, hat möglicherweise wenig Erfahrung mit genau der Größenordnung, um die es bei Ihnen geht.

Ein einfacher Test

Wer unsicher ist, muss keine Vertragsklauseln wälzen. Es reicht, im Erstgespräch zwei Dinge einzufordern: eine konkrete Beschreibung des Vorgehens in Schritten – nicht nur ein Schlagwort wie „agile Methodik" – und, wenn möglich, ein kurzes, überschaubares Pilotprojekt statt eines großen Vertrags von Anfang an. Wer beides ohne Umschweife liefern kann, hat in der Regel auch die Substanz für die größere Aufgabe. Wer beides umgeht, sollte zumindest genauer nachfragen, bevor er unterschreibt.

Keines dieser fünf Signale ist für sich allein ein Beweis für unseriöse Arbeit. In Kombination lohnt es sich aber, genauer hinzuschauen – und im Zweifel einfach die konkrete Frage zu stellen, die ein seriöser Berater ohne Umschweife beantworten kann: Wie sieht Ihr Vorgehen bei einem Projekt aus, das unserer Situation ähnelt?

Quellen u. a.: aktuelle Einordnungen zur Auswahl von KI-Beratung im deutschen Mittelstand (2026).