Viele Ärzt:innen kennen das Phänomen, das im englischsprachigen Raum treffend „Pyjama Time" genannt wird: Der Praxistag ist vorbei, alle Patient:innen sind versorgt – und trotzdem sitzt man abends noch am Schreibtisch, um liegen gebliebene Dokumentation nachzutragen. Genau an diesem Punkt setzen die meisten KI-Anwendungen an, die heute tatsächlich in deutschen Praxen und Kliniken ankommen, nicht nur in Pilotprojekten großer Konzerne. Fünf davon im Überblick.
1. Sprachdokumentation während des Gesprächs
Sogenannte Ambient-Scribing-Systeme hören mit, während Ärzt:in und Patient:in sprechen, und wandeln das Gespräch automatisch in eine strukturierte Dokumentation um – Anamnese, Befund, Beurteilung, Prozedere. Das ist keine ferne Zukunftsvision mehr: Seit Herbst 2025 laufen erste Pilotprojekte an deutschen Kliniken, unter anderem an der Charité Berlin, am Universitätsklinikum Mannheim und in Kliniken in Stuttgart und Hannover. In gesprächsintensiven Fachrichtungen sprechen erste Auswertungen von 30 bis 60 Minuten eingesparter Dokumentationszeit pro Tag.
Wichtig für die Auswahl: Sobald ein System nicht nur dokumentiert, sondern auch Diagnosevorschläge macht, gilt es unter dem EU AI Act als Hochrisiko-KI und fällt unter die Medizinprodukteverordnung (MDR, Klasse IIa). Das bedeutet höhere Anforderungen an Zulassung, Prüfprozesse und Haftung – ein Punkt, den viele Anbieter in ihren Verkaufsgesprächen nicht von sich aus ansprechen.
2. Terminmanagement, das mehr kann als ein Kalender
KI-gestützte Systeme nehmen Anrufe oder Chat-Anfragen zur Terminvergabe entgegen, verstehen das Anliegen, schlagen passende freie Slots vor und senden rechtzeitig Erinnerungen. Für die Praxis bedeutet das vor allem eines: weniger verpasste Termine und weniger Telefonzeit, die vom eigentlichen Praxisbetrieb abgeht. Dieser Bereich gilt als einer der technisch ausgereiftesten, weil keine medizinische Entscheidung im Spiel ist – entsprechend ist die regulatorische Hürde niedrig.
3. Patientenkommunikation für wiederkehrende Fragen
Ein Großteil der Anrufe in einer Praxis dreht sich um dieselben Fragen: Öffnungszeiten, Rezeptstatus, welche Unterlagen mitzubringen sind. KI-gestützte Chat- oder Telefonassistenten können solche Anfragen rund um die Uhr beantworten und nur die Fälle an das Team weiterreichen, die tatsächlich menschliche Einschätzung brauchen. Entscheidend ist die Abgrenzung: Diese Systeme strukturieren Anliegen vor, sie stellen keine Diagnosen und ersetzen keine medizinische Einschätzung.
4. Vorbereitung von Abrechnung und Dokumentation
Codierungsvorschläge für ICD- oder GOÄ-Ziffern, das Vorausfüllen wiederkehrender Formulare, das Zusammenführen von Informationen aus verschiedenen Systemen – hier übernimmt KI vorbereitende, klar strukturierte Arbeit. Die Entscheidung bleibt beim Praxisteam, aber der Weg dorthin wird kürzer.
5. Schnelles Nachschlagen in großen Wissensbeständen
Leitlinien, Interaktionschecks, Fachliteratur: KI-gestützte Suche kann relevante Informationen deutlich schneller auffinden als eine manuelle Recherche. Auch hier gilt die gleiche Regel wie bei der Patientenkommunikation – als Unterstützung bei der Recherche, nicht als Ersatz für die fachliche Entscheidung.
Womit anfangen?
Die naheliegende Reihenfolge ist selten die beste. Viele Praxen greifen zuerst nach der Sprachdokumentation, weil sie am meisten Aufmerksamkeit bekommt – dabei ist sie technisch und regulatorisch der anspruchsvollste der fünf Bereiche. Terminmanagement und Patientenkommunikation lassen sich dagegen oft in wenigen Wochen anbinden, ohne dass ein Praxisverwaltungssystem tief verändert werden muss. Der pragmatischere Einstieg ist deshalb häufig der unspektakulärere: dort anfangen, wo der Aufwand für die Anbindung gering ist und der Zeitgewinn im Alltag sofort spürbar wird. Der komplexere Fall – etwa Ambient Scribing mit Anbindung an die Praxissoftware – folgt dann, wenn im Team schon eine gewisse Routine im Umgang mit KI-gestützten Tools besteht.
Gemeinsam ist allen fünf Bereichen: Sie ersetzen keine medizinische Entscheidung, sondern nehmen Arbeit drumherum ab. Wer einsteigen will, sollte nicht mit der komplexesten Anwendung beginnen, sondern mit der, die im eigenen Alltag den größten und am leichtesten messbaren Zeitgewinn bringt.
Quellen u. a.: Berichte zu Ambient-Scribing-Pilotprojekten deutscher Kliniken (2025/2026); Einordnung zur MDR-/AI-Act-Klassifizierung von KI-Dokumentationssystemen. Diese Übersicht ersetzt keine Rechts- oder Regulierungsberatung im Einzelfall.